Ein Armutszeugnis für deutsche Banken und Versicherungen

Deutsche Banken und Versicherungen verschlafen gerade einen weltweiten Trend!

Ignoranz gegenüber internationalen Initiativen, leicht zu widerlegende Vorurteile und simple Unkenntnis auf Produktebene führen dazu, dass „Green Finance“ in Deutschland noch immer ein Nischendasein führt.

Ein Zwischenbericht: (Lesezeit 5 Minuten)

2015 wurde mit dem Weltklimaschutzabkommen (nachfolgend Cop 21 genannt) und den von den UN verabschiedeten „Sustainable Development Goals“ (SDG) Meilensteine in Sachen Klimaschutz gesetzt. Jetzt kündigt zwar der amerikanische Präsident an, aus dem Abkommen auszusteigen. Doch unabhängig davon haben z.B.  Google, Microsoft, aber auch US-Bundesstaaten wiederum angekündigt, auf erneuerbare Energien weiterhin verstärkt setzen zu wollen.  Wir werden sehen, was in den USA passiert.

Im Rest der Welt passiert jedenfalls eine Menge:

Gerade aktuell hat der Finanzplatz Paris mit Finance for Tomorrow eine Initiative gestartet, um die Nachhaltige Geldanlage sowohl in Frankreich als auch in anderen Ländern zu fördern und zu unterstützen. GF Paris
Ziel ist es, die Finanzströme in Richtung einer kohlefreien und inklusiven Wirtschaft zu lenken. Die Initiative orientiert sich dabei am Pariser Weltklimaabkommen von 2015 und den UN Sustainable Development Goals.

Auch andere Städte haben Initiativen gegründet, um das nachhaltige Investment zu fördern. Hierzu zählen London und Luxemburg. (siehe unten)

Schon vor der Cop 21 haben international einflussreiche Gremien wie die OECD, das World Economic Forum oder die UN klargestellt, dass vom Finanzsektor „Green Finance“ erwartet wird. Das ist mehr als die Finanzierung von Solarparks. Es verlangt eine Orientierung an den 17 Sustainable Development Goals der UN.

Diese 17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung unserer Welt sind allerdings noch nicht in den Köpfen der Top-Manager unserer deutschen Banken und Versicherungen angekommen. Eigentlich verwunderlich. Denn seit langem ist es nachgewiesen, dass es den Grundsätzen unternehmerischer Vorsicht entspricht, ökologische, soziale und Governance-Risiken in der Vermögensverwaltung zu beachten. Aktionäre der RWE AG (Missachtung ökologischer Risiken) oder der Deutschen Bank (Missachtung von Governance-Risiken) kennen die Auswirkungen schmerzhaft.

Das erste institutionelle Großanleger wie der norwegische Staatsfonds, die Allianz-Gruppe oder der Axa-Konzern sich von ihren Aktienbeständen mit hohem Kohlenstoffrisiko getrennt haben, ist vielleicht schon bekannt.

In Deutschland noch nicht wahrgenommen wurde bisher folgendes:

  • Die G20 haben eine Green Finance Working Group installiert, die z.B. die chinesischen Green Credit Guidelines als Best Practice empfiehlt.
  • Der Finanzstabilitätsrat der Deutschen Bundesbank lotet in einer Task Force die Relevanz von Klimarisiken im Rahmen seiner Beurteilungen der Gefährdungen des Finanzsystems aus.
  • Das EU-Parlament verlangt die Beachtung von Klimarisiken in einer Richtlinie zur betrieblichen Altersversorgung
  • Die EU-Kommission hat eine Expertengruppe eingesetzt, um Empfehlungen für Green Finance auszuarbeiten.
  • In London wurde Ende 2016 die Green Finance Initiative mit dem Ziel gründet, die Deutungshoheit für Green Finance zu übernehmen.
  • Januar 2017 wurde die Transition Pathway Initiative von 13 internationalen Treuhändern gegründet. Volumen: 370 Milliarden britische Pfund.
  • In den Niederlanden wurde eine ähnliche Initiative mit Hilfe der Zentralbank gegründet.

Bislang wird Nachhaltigkeit im Top-Management der deutschen Banken und Versicherungen eher als Feigenblatt denn als strategische Chance verstanden. Es ist immer noch eine Nische auf Produktebene, die von kleinen Abteilungen bedient wird. Dazu kommt ein nette „SRI-Bericht“ und das Gewissen ist beruhigt.

Die Ausreden, sich nicht mit den Nachhaltigkeitsthemen zu beschäftigen, haben bei uns Tradition. So werden die Kunden in der Regel gar nicht auf das Thema angesprochen, weil es selbst den Beratern oft nicht bekannt ist, welche hauseigenen Produkte auf Nachhaltigkeitskriterien basieren. Dies hat zur Folge, dass solche Produkte nur auf geringe Volumina kommen, was die Vorstände wiederum veranlasst zu folgern, dass keine Nachfrage besteht.

 

Wenn Green Finance und der Umgang damit ein Gradmesser für die Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit der Branche ist, dann steht es schlecht um das deutsche Finanzwesen.

Ihr Andreas Enke